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Wie das Hilda zum Hilda wurde
Ja - die Hildaschule! Was ist nicht alles möglich, wie können die Menschen sich ändern und nicht Schulen sich ändern! Wir heißen jetzt wirklich Hildaschule, und das ist so gekommen. Ein neues Haus ist wie ein neugeborenes Kind, es muß doch einen Namen haben. "Evangelische höhere Mädchenschule und Lehrerinnen-Bildungsanstalt" das hatte immer so unbeholfen geklungen, so endlos, so schwerfällig, denn der Name war eine langatmige Erklärung: warum jedesmal, wenn man seinen Namen nennt, verkündigen, welches Glaubensbekenntnis man hat, dass man eine höhere Schule ist, und dass damit in Verbindung steht eine Anstalt zur Ausbildung von Lehrerinnen? Wer ein ernstliches Interesse daran hat, der mag danach fragen, und man wird ja ganz gerne ihm eine Erklärung geben, sonst aber ist es genug, zu wissen, dass es eine Schule ist, und hat diese Schule einen Mädchennamen, so denkt halt jeder, es werde wohl eine Mädchenschule sein.
Hier in Koblenz wohnte Hilda, geborene Prinzessin von Nassau, Erbgroßherzogin von Baden und Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit des Erbgroßherzogs Friedrich von Baden, des kommandierenden Generals des 8. Armeekorps. Die Großherzogin Luise von Baden, die Tochter Kaiser Wilhelms I., hat in Koblenz glückliche Jugendjahre verlebt, hat auch später oft und gerne hier geweilt und Koblenz andauernd Zeichen ihres treuen Gedenkens gegeben. Da nun auch das erbgroßherzogliche Paar die Überlieferungen von der Mutter her pflegt und durch eine ganz besondere angeborene Liebenswürdigkeit sich auszeichnet, so kamen wir auf den Gedanken, die Erbgroßherzogin Hilda zu bitten, Patenstelle bei dem neuen Haus zu übernehmen. Gerne hätten wir ein Weihefest veranstaltet und hätten gehofft, unsere verehrte Patin bei dieser Gelegenheit in unserer Hildaschule zu begrüßen - da kam das Schicksal in Gestalt der Botschaft: das erbgroßherzogliche Paar wird nach sechsjährigem Aufenthalt hier nach der badischen Heimat zurückkehren! Der 29. Oktober schon war zur Abreise bestimmt, aber zum Glück war die neue Hildaschule schon bezogen und konnte sich trotz des fehlenden letzten Schliffes bereits sehen lassen: Die Frau Erbgroßherzogin hatte denn auch tatsächlich die Gnade, noch vier Tage vor ihrer Abreise, am Samstag, den 25. Oktober, sich unser jetziges Heim anzusehen und in Begleitung der Hofdame Frl. von der Recke und des Hofmarschalls Freiherrn von Freystedt anderthalb Stunden in den Räumen zu weilen. Die hohe Frau nahm von allen Einzelheiten mit größtem Interesse Kenntnis, wohnte in sämtlichen Schulklassen und Seminarklassen eine Weile dem Unterricht bei, unterhielt sich huldvoll mit Lehrern und Schülern und nahm im Singsaal den Vortrag einer schönen Motette des Gesangchores entgegen, im Turnsaal aber schaute sie mit Behagen dem Reigentanz der 2. Seminarklasse zu. Sie erklärte beim Scheiden, dass sie auch in der Ferne die Beziehungen zur Hildaschule aufrecht erhalten werde. Als die Herrschaften abreisten, verfügte sich der Direktor mit neun jungen Mädchen der Seminarklassen und drei obersten Schulklassen zum Bahnhof, wo Ihre Königliche Hoheit noch eine Blumenspende aus der Hand einer Seminaristin entgegennahm, jedem die Hand reichte und einige Abschiedsworte sprach. Als bald darauf, am 5. November, der Geburtstag der Erbgroßherzogin war, sandten wir ihr telegraphisch folgenden Glückwunsch:
Wie heute, hehre Frau, so sei
Dein Himmel immer wolkenfrei,
Und bleibe gnädig stets gesinnt
Auch Deinem jüngsten Patenkind!
Hildaschule
Schon andern Tags lief eine freundlich dankende Antwort ein. Auch als am 10. November der Erbgroßherzog
nochmals zu einem Abschiedsfest nach Koblenz herüberkam, richtete er ausdrücklich Grüße Seiner hohen
Gemahlin dem Direktor aus und fügte seine Wünsche für das Gedeihen der Anstalt hinzu.
Dr. Karl Hessel, in "Blätter aus Koblenz" Nr. 20, 1902